Christoph Müller

Abend

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Abendrot
Lässt den Himmel bluten.
Sterbende Vögel versuchen,
Den letzten Sonnenstrahl zu fangen,
Verbrennen am Horizont.
Ascheregen
Überzieht die Wälder
Mit nächtlichem Schwarz.

Am Ende

Gedichte Christoph Müller Sirenen schreien weiter

Lampen ziehen Bänder;
Gesichter formen Klang;
Herzen schlagen dichter,
Und Augen zittern bang.

Wir gehn den Weg gemeinsam,
In Fleisch und Kuss verbunden,
In Luft und Licht gefangen,
Gejagt und voller Wunden.

Sommerwind streift Lachen;
Der Abend leuchtet rot,
Und eines, das ist sicher:
Am Ende alle tot!

Atem

Gedichte Christoph Müller Winterblüte

Ein Neugeborenes liegt rußig
Im blinden Schoß der Mutter.
Es blinzelt milchiges Licht
Unter dem Betonfirmament,
Zuckt bei jedem Trommelschlag,
Schreit den ersten Atemzug.

Aufstehen

Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Jeden Morgen erwachen.
Suche nach dem letzten Bild:
Verloren.
Augen an die Decke gerichtet:
Kahlweiß.
Das Gesicht ist verschwunden.
Mein Herz schlägt zu laut.
Ich stehe auf,
Klettere wie ein
Affe auf Bäume,
Bekomme die Sonne
Doch nie zu fassen.
Einen neuen Tag hineinwürgen.
Schmeckt mir nicht.
Hinausziehen und fechten,
Am Abend die Wunden
In toten Schößen kühlen.
Jeden Abend schlafe ich ein,
Im Staub der Rosenblätter,
Die ich dem Morgen entpflückte;
Jede Dämmerung könnte
Meine letzte sein.

Aufstieg

Gedichte Christoph Müller Traumnarben

Weich tropfen Gedanken
Von den Lippen.
Du verbirgst Dich;
Wenn Du sprichst ist Nacht,
Deine Worte dunkel
In Rinnen.

Ein Zug
Fährt durch einen Tunnel.
Ich starre
In mein Gesicht
Im Fenster;
Die Köpfe vor mir hinter mir
Blicken mich an
Aus schwarzen Mänteln.

Durch eine Tür schlägt Wasser;
Beine werden angewinkelt.
Körper treiben an die Decke,
Um sich zu füllen.