Auf dem Nachttisch stand ein Bild.
Safron Belik lag in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Vor einiger Zeit waren Schneckenhäuser um seine Ohren gewachsen, aus denen Tag und Nacht traurige Chöre rauschten, so laut, daß er nur schwer die Augen schließen konnte. Manchmal schaffte er es dennoch, den Geräuschen in einen leichten Schlaf zu entfliehen, wenn auch nur für kurze Zeit, aber heute Nacht wollte es überhaupt nicht gelingen.
Safron wälzte sich hin und her, versuchte, sich immer wieder in eine möglichst bequeme Lage zu bringen. Als das nicht half, ging er hinauf in die Küche – er bewohnte ein Kellerzimmer – und durchsuchte die Schränke und Ablagen nach einem Baldrianfläschchen, das er sich bei der Apotheke in der Stadt gekauft hatte, um sich in solchen Nächten wie heute, wenn es zu arg wurde mit den Ohrgeräuschen, leichter in den Schlaf zu bringen.
Schließlich und endlich fand Safron die Flasche auf dem Gewürzschrank. Er öffnete sie und trank in der Hoffnung auf raschere und stärkere Wirkung gleich die Hälfte des noch fast vollen Behältnisses aus. Dann stellte er das Fläschchen zurück, schaltete das Licht aus und ging die Treppe hinab in sein Zimmer. Er benutzte dabei keine Beleuchtung, da er befürchtete, die hellen Lampen könnten die Wirkung des Medikaments vermindern und ihn wieder aus seinem beginnenden Dämmerzustand reißen.
Safron legte sich in sein Bett und schloß die Augen. Die Chöre waren noch immer in gewohnter Lautstärke zu vernehmen, doch der Baldrian legte zu seiner Freude langsam einen warmen Schleier um sein Haupt. Dann plötzlich klirrte es in seinen Ohren; jemand schien Glas in seinem Kopf zu zerschlagen, so splitterte es. Es wurde immer lauter, immer lauter und noch lauter. Safron versuchte, sich die Ohren zuzuhalten, doch das ging nicht, da waren ja die Schneckenhäuser, die jegliches Verstopfen der Gehörgänge unmöglich machten. Außerdem kam es ja von innen, doch er preßte die Handflächen weiter an seinen Schädel, das heißt, an die seltsamen Gewächse an den Seiten, die ihm manchmal wie Hörner erschienen, in der bangen Hoffnung, von den grausamen Klängen befreit zu werden.
Bald schon konnte er sich nicht mehr zügeln; er riß seinen Körper hoch und fühlte sich dabei, als hätte er zerplatzen müssen. Safron schrie los: »Nein, aufhören! Bitte, bitte aufhören! Das ist ja nicht auszuhalten! Nein, nein! Schluß damit!« Und als ob ihn jemand erhört hätte, verstummte das Klirren, und zurück kehrten die alten Geräusche, die in diesem Moment fast angenehm, wie ein vertrautes Lied, klangen. Safron atmete auf und ließ sich erleichtert zurück in sein Bett fallen. Doch schon im nächsten Moment brach der furchtbare Lärm erneut los. Er sprang wieder auf und war gerade kurz davor, ein zweites Mal aufzuschreien, als die Geräusche wieder verklangen. »Gut«, atmete er aus und setzte sich zurück auf seine Schlafstätte. Aber wieder war die Ruhe, wenn man bei ihm überhaupt von Ruhe sprechen kann, nur von kurzer Dauer. Er stand diesmal jedoch ein wenig langsamer auf als bei den vorherigen Lärmausbrüchen, da er hoffte, der Krach würde wieder verklingen, wenn er sich erst einmal aufgerichtet hätte.
Seine Vermutung fand Bestätigung. Das Klirren schien nur einzusetzen, wenn er sich hinsetzen oder legen wollte, so zeigte es sich bisher jedenfalls. Diese Theorie prüfte er sofort mehrere Male und tatsächlich: Sie stimmte. Safron triumphierte fast, schließlich hatte er durch seine Erkenntnis ein wenig Macht über diesen Vorgang erlangt, obgleich er ihn keineswegs zu beeinflussen vermochte, was seine Freude rasch zügelte.
Was wurde jetzt aus seinem ohnehin schon raren Schlaf? Sollte er es im Stehen versuchen? Sich womöglich in einem Schrank einschließen, damit er nicht umfiele? So konnte er doch nicht weiterleben! Er dachte nach, ging dabei auf und ab, hin und her, mindestens anderthalb Stunden lang. Zwischendurch probierte er immer wieder aus, ob das Geräusch inzwischen verschwunden war, doch jedesmal, wenn er sich senkte, ging es wieder von neuem los. Nach drei Versuchen gab er es dann auf, um sich nicht noch mehr zu ärgern, als er es ohnehin schon tat.
Schließlich faßte er den Entschluß, erst einmal ein wenig an der frischen Luft spazierenzugehen, um etwas Abstand von seinem Problem zu gewinnen. Vielleicht würde das Klirren ja in der Zwischenzeit von ganz alleine verschwinden und er könnte normal zurückkehren, sich ruhig in sein Bett legen und mit einigem Glück sogar ein wenig schlafen.
Gedacht, getan: Safron schaltete das Licht an und legte seinen Schlafanzug ab, wobei er sich diesmal nicht die Mühe machte, ihn zu falten und unter die Bettdecke zu legen, wie er es sonst immer zu tun pflegte, sondern er ließ Hemd und Hose einfach auf den Fußboden fallen. Als nächstes holte er Unterwäsche und schwarze Strümpfe aus der Kommode in der Nähe des kleinen Fensters, durch das bläuliche Lichtstrahlen staubten, und zog diese an. Dann öffnete er den großen Eichenschrank links neben der Kommode, entnahm ihm zielsicher einen schwarzen Samtanzug, ein Hemd von gleicher Farbe und legte die gewählten Kleidungsstücke gleich darauf an, ohne den Schrank wieder zu schließen, denn er fühlte sich aus irgendeinem Grund in großer zeitlicher Bedrängnis, was ihn jeden seiner Schritte auf seine Zweckmäßigkeit prüfen ließ. Dennoch trieb ihn seine Eitelkeit dazu, sich vor Verlassen des Hauses noch einmal gründlich zu rasieren und, damit es nicht so übel roch, die Zähne zu putzen und sich einzuparfümieren.
Abschließend schnürte Safron seine Stiefel zu und setzte sich seine schwarze Zipfelmütze, an die ein goldenes Glöckchen genäht war, auf, um nun endlich heraufsteigen und das Haus verlassen zu können. Oben angekommen, schaltete er das Flurlicht an, um die Tür besser finden zu können. Von der Lampe seilte sich eine große, grüne Spinne ab. Safron griff nach ihrem Faden und hängte sie an einen Haken an der Garderobe. Jetzt war er zum Aufbruch bereit.
Er zögerte fast ein wenig, als er die Tür öffnete, so als wenn alles Geschehene nur ein Trick gewesen wäre, um ihn herauszulocken. Zur Sicherheit streckte er deshalb zuerst nur vorsichtig seinen Kopf durch den Türspalt und schaute sich um, in ständiger Bereitschaft, sofort zurückzuschnellen und die Pforte wieder zu schließen. Doch draußen war alles still, das einzige Geräusch kam aus den Schneckenhäusern an seinen Ohren; die Straße war leer, und die Laternen leuchteten nur für ihn und eine schwarzweiße Katze, die über den Gehsteig huschte. Safron trat auf die Fußmatte vor dem Eingang, drehte sich um und schloß die Tür. Dabei schaute er sich immer wieder um; er hatte das Gefühl, jemand würde ihn beobachten. Aber da war niemand außer der Straße, den Häusern, den geparkten Autos und den Laternen, in deren Licht alles so seltsam aussah – wie Spielzeug. Im Grunde genommen war es das ja auch: Spielzeug für all die kleinen, dummen Narren, für ihn. Er hätte sich in diesem Moment nicht gewundert, wenn die Hand eines Riesenkindes aus dem Himmel gegriffen hätte, um einige Häuser aus dem Boden zu reißen und Schienen für seine Modelleisenbahn zu verlegen. Er merkte zuerst gar nicht, wie alles um ihn herum kleiner wurde und daß er das Riesenkind war, das mit seiner Welt spielte.
Alles wurde kleiner und kleiner, bis er in einer dunklen, felsigen Wüste aus blaugrünem Stein stand, alleine mit seinen Chören, seiner schwarzen Kleidung, an der sich eine hellgrüne Raupe emportastete, dem goldenen Glöckchen, das im Wind klingelte, und seinem angenehm frierenden Körper. Safron blickte in den dunkelroten Himmel, holte tief Luft und schaute sich um, drehte seinen Kopf langsam von einer Seite zur anderen:
Neben ihm stand in einem leuchtendweißen Kleid mit langer Schleppe eine wunderschöne weibliche Person mit langem, rötlichbraunem Haar. Ihre bernsteinfarbenen Augen glänzten wie Sterne, die am Himmel fehlten, und ihr Gesicht war so hell, daß er sie kaum für längere Zeit anschauen konnte. Sie lächelte ihn an; es war wie ein warmer Atemzug. Safron spürte sein Herz schwer und schnell schlagen. Er näherte sich ihr zitternd und umarmte sie fest, schloß die Augen und fing leise an zu weinen. Sie spürte sein Rinnsal an ihrer Wange hinabfließen und fragte ihn, warum er weine. »Es ist nichts; der Wind brennt nur so heftig in meinen Augen«, entgegnete er. Darauf küßte sie die Tränen von seinem Gesicht, endete dabei an seinen Lippen.
Sie flammten sich kurz einen Blick zu, nahmen sich dann an den Händen und liefen durch die Wüste. Die Wolken öffneten sich und gaben das Licht Tausender Sterne frei. Sie liefen und liefen, tanzten im Wind mit weißen Staubschleiern über den Boden, bis sie plötzlich vor einer gewaltigen Mauer, unterbrochen nur durch ein schwarzes Eisentor, standen. Sie schreckten zurück und drängten sich dicht aneinander. Ihre Blicke trafen sich ängstlich. Ein kräftiger Windstoß wehte das Tor fast lautlos auf. Safron ließ sie los und ging vorsichtig durch das Portal. Sie folgte einige Schritte hinter ihm. Sie standen auf einem Friedhof, der sich bis zum Horizont erstreckte. Er drehte sich kurz zu ihr um, ging dann weiter an den Gräberreihen entlang, die Inschriften auf den Grabsteinen betrachtend. Erst nach einer Weile fiel ihm auf, daß die Leute, die hier beigesetzt worden waren, alle am gleichen Tag gestorben waren.
»Heute, diese Personen sind alle heute gestorben!« schrie er fassungslos, während er seinen Kopf und die Augen gleichzeitig zu ihr riß. Sie stand wie erstarrt da und blickte wortlos an ihm vorbei. Er folgte ihrem Blick und endete an einem nicht weit entfernten Grabstein. Safron schluckte: Sein Name stand in verwitterten Lettern darauf.
Er ging auf den Stein zu, ohne sich dabei umzudrehen, kniete sich sanft nieder. Kein Klirren durchdrang diesmal seine Ohren, und auch die Chöre wurden langsam immer leiser. Safron beugte sich nach vorne und schmiegte seine Haut an den eisigen Fels, schloß die Augen und ließ sich von der Kälte gefangennehmen.
»Wie lange ich diesen Fluch geatmet habe.
Endlich ist es vorbei«, flüsterte er.
Dann wurde es still. Es begann weich zu schneien.
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Lichtflut
Die Nacht schlaflos durchrungen, gilbte ihm die aufblühende Sonne den Raum. Seine Augen zogen zur Seite: Schlaf lächelte staubig auf ihren Lippen. Ihre Federn lagen verstreut auf dem Boden; sie war ein Vogel mit nackten Flügeln.
Vor dem Fenster graute der geronnene Himmel; Schatten wuchsen über die Wände; Schwärze kühlte über sein Antlitz.
Er furchte Blut aus seinen Händen und strich Rosen über ihre fahlen Wangen; ihr Lächeln verschmierte darunter.
Sein Blick weidete kurz auf dem Spiegel über dem Waschbecken; er wischte rot über seine Stirn.
Dann plötzlich platzte Wind durch die Scheibe und stieß die Federn auf; ein dumpfer Druck dehnte seinen Kopf. Sein Blut taumelte; er kehlte nach Luft, wimmerte Atem in die Lunge. Federn versteinerten in seinem Speichel; er keuchte sie gegen eine Wand, von der sie absprangen und einige Skorpione, die das Zimmer durchschwärmten, erschlugen.
Aus seinem Rachen krampfte ein trunkenes Lachen, das ihn in einer Spalte vergaß. Seine Zähne waren Steine in den Mauern. Tageslicht flutete das Zimmer grellweiß; die Lider kratzten seine Augen zu.
Er dämmerte zurück in das Laken und küßte seine Leiche.
Vorbei.
Nachtwandler
Die Treppe hinabsteigen,
Rückkehr
In den warmen Raum.
Verkriechen,
Zwischen den kalten Platten
Des Bunkers
Aus Knochen und Fleisch.
Blendende Geborgenheit.
Über den Steinen
Senkt sich der feuchte Staub
Des ertrinkenden Sternes.
Sonne
Schau,
Dort hinten
Öffnet sich die Sonne;
Schatten
Drehen sich durch
Staub.
Flammen
Würgen deine
Augen;
Herzschlag
Preßt durch deine
Haut.
Muskeln
Reißen deine
Knochen;
Maschinen
Rasen durch
Asphalt.
Wände
Kleiden deinen
Rücken;
Gesichter
Nehmen dir den
Halt.
Nacht und Nebel
Schritte,
Feuchte Schritte.
Hände
In kaltem Widerstand.
Bäume
Schweigen in den Himmel,
Im Auge
Der Schatten deiner Hand.
Nebel
Schluckt eisig deinen Atem;
Das Licht
Der Häuser dämmert schwarz.
Im Rücken
Der Tunnel in die Wärme,
Doch du gehst
Durch tiefes, graues Harz.
Augenschein
Die Tage hängen
Wie an rostigen Fäden
Im Strom meines Pulsschlags.
Der Keller ist
Leer,
Und die Flächen
Rücken näher
Und
Bleiben an ihrem Ort,
Wie das Blutglas,
Meine Augen.
In dem Moment –
Bleib hier!
Nie kriecht
Der Schatten von der Haut,
Ist die spielende Hand
In meinen Gedanken.
Und Regen streicht goldene Spuren
Über die Finger:
Deine lächelnden, warmen,
Scheinenden Augen.
Manchmal, nachts,
Fließen am Himmel
Rote Schleier –
In tiefer Ferne.
Aufstieg
Weich tropfen Gedanken
Von den Lippen.
Du verbirgst Dich;
Wenn Du sprichst ist Nacht,
Deine Worte dunkel
In Rinnen.
Ein Zug
Fährt durch einen Tunnel.
Ich starre
In mein Gesicht
Im Fenster;
Die Köpfe vor mir hinter mir
Blicken mich an
Aus schwarzen Mänteln.
Durch eine Tür schlägt Wasser;
Beine werden angewinkelt.
Körper treiben an die Decke,
Um sich zu füllen.
Blutstille
Verlebte Masken
Fallen schneegleich
Von deiner Haut;
Feurige Kälte
Friert der Körper.
Deine Augen weinen
Die Sterne der Nacht;
Das Herz explodiert
In stählernem Mantel.
Kein Blut tritt aus;
Es ist kein Platz
Für Atem in deiner Brust.
Herzschlagfremde
Es fällt mir schwer
Zu sprechen.
Worte erscheinen mir
So fremd
Und leer.
Es ist dunkel geworden
In meinem Zimmer;
Ich habe versucht,
Die Sonne auszusperren.
Doch in mir brennt
Alles so zerrissen nichts.
Ich kann nicht
Ausbrechen,
Laufe ziellos
Durch die Gegend,
Weiß nicht, wohin
Ich soll.
Kannst Du meine
Schritte im Schnee hören?
Ich friere
In meiner Isolation.
Ich,
Ich,
Immer nur Ich.
Meine Finger krallen sich
In meine Rippen;
Könnte ich doch nur
Dieses Herz zudrücken,
Diesen Willen schließen.
Ich will leben!
Hörst Du mich pochen?
Hörst Du mich nicht –
Anklopfen?
Regen
Wolken,
Graue Schwimmer
Um weiße
Sonnenspalten.
Laub,
Tobend,
Weich und warm,
Fällt
In dein Haar,
Auf deinen Blick.