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Alfred Lichtenstein: Wellenschwer

Wellenschwer
Tönt das Meer
Wie Wind im Bergwald
So wellig und hehr
Und so düster…

Kein Stern.
Nur dunkle Wolken
Und fern
Ein Strahl vom Mond? –

Vom erdenalten
Grübler Mond,
Der hinter allen
Wolken wohnt
Und ein Wind
Summt…

Ich lieg‘ im Sande
am Strande
am Meer

Und Wellen spülen
Gottweiß woher
Und weichen wieder
Gottweiß wohin – –
Ich fühle garnicht
Daß ich bin.

Ich liege so ruhig
am Strande
am Meer

Als ob ich schon längst
Gestorben wär
Im windweichen Sande

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Alfred Lichtenstein: Unwetter

Erstarrter Mond steht wächsern,
Weißer Schatten,
Gestorbnes Gesicht,
Über mir und der matten
Erde.
Wirft grünes Licht
Wie ein Gewand,
Ein faltiges,
Auf bläuliches Land.
Aber vom Rand
Der Stadt steigt sanft
Wie fingerlose weiche Hand
Und furchtbar drohend wie Tod
Dunkel, namenlose …
Wächst höher her
Ohne Ton,
Ein leeres, langsames Meer –

Erst war es nur wie eine müde
Motte, die auf letzten Häusern kroch;
Jetzt ist es ein schwarz blutendes Loch.
Hat schon
Die Stadt und den halben Himmel verschüttet.

Ach, wär ich geflohn.
Nun ist es zu spät.
Mein Kopf fällt in die
Trostlosen Hände.
Am Horizont ein Schein wie ein Schrei
Kündet
Entsetzen und nahes Ende.

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Alfred Lichtenstein: Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.

Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.

… Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.

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Alfred Lichtenstein: Nachmittag, Felder und Fabrik

Ich kann die Augen nicht mehr unterbringen.
Ich kann die Knochen nicht zusammenhalten.
Das Herz ist stier. Kopf muß zerspringen.
Rings weiche Masse. Nichts will sich gestalten.

Die Zunge bricht mir. Und das Maul verbiegt sich.
In meinem Schädel ist nicht Lust noch Ziele.
Die Sonne, eine Butterblume, wiegt sich
Auf einem Schornstein, ihrem schlanken Stiele.

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Alfred Lichtenstein: Nach dem Ball

Die Nacht kriecht in die Keller, muffig matt.
Glanzkleider torkeln durch der Straßen Schutt.
Gesichter sind verschimmelt und kaputt.
Kühl brennt der blaue Morgen auf der Stadt.
Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann…
Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt
Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind.
Ein Mann streicht einen Herrenrumpf grau an.
Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein.
Familien fressen stumm ihr Mittagsmahl.
Durch einen Schädel schwingt noch oft ein Saal,
Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein.

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Alfred Lichtenstein: Bleicher Schattenschleicher

Umschwirrt von tausend trunknen Schmetterlingen,
Die mit wunden Flügelpaaren
Kleine leise Lieder singen
Glühen in den stummen Straßen
Weiße Ampeln müd und kalt
Sprühen nackte blasse Flammen
Wie die dürren Totenträume
In das dunkle Liebesflüstern
Laubverhangner Straßenbäume
Spielen schmale wirre Lichter
Dann und wann um die Gesichter
Bleicher
Tagesscheuer Schattenschleicher.

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Alfred Lichtenstein: Die Stadt

Ein weißer Vogel ist der große Himmel.
Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt.
Die Häuser sind halbtote alte Leute.

Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel.
Und Winde, magre Hunde, rennen matt.
An scharfen Ecken quietschen ihre Häute.

In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du –
Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände …
Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott.

Drei kleine Menschen spielen Blindekuh –
Auf alles legt die grauen Puderhände
Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott.

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Alfred Lichtenstein: Die Schlacht bei Saarburg

Die Erde verschimmelt im Nebel.
Der Abend drückt wie Blei.
Rings reißt elektrisches Krachen
Und wimmernd bricht alles entzwei.

Wie schlechte Lumpen qualmen
Die Dörfer am Horizont.
Ich liege gottverlassen
In der knatternden Schützenfront.

Viel kupferne feindliche Vögelein
Surren um Herz und Hirn.
Ich stemme mich steil in das Graue
Und biete dem Morden die Stirn.

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Alfred Lichtenstein: Fern

Ich möchte in Nacht mich bergen,
Nackt und scheu,
Und um die Glieder Dunkelheit decken
Und warmen Glanz …
Ich möchte weit hinter die Hügel der Erde wandern –
Tief hinter die gleitenden Meere,
Vorbei den singenden Winden …
Dort treff ich die stillen Sterne,
Die tragen den Raum durch die Zeit
Und wohnen am Tode des Seins,
Und zwischen ihnen sind graue,
Einsame Dinge…
Welke Bewegung vielleicht
Von Welten, die lange verwesten –
Verlorener Laut –
Wer will das wissen …
Mein blinder Traum wacht fern den Wünschen der Erde.